„Wenn du nicht brav bist, kommt der Krampus.“
Kennst du diesen Satz? Vielleicht hast du ihn als Kind selbst gehört. Vielleicht ist er dir letztes Jahr herausgerutscht, irgendwo zwischen Zähneputzen und dem dritten „Jetzt aber wirklich ins Bett“.
Das ist kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Der Satz gehört für viele von uns zum Dezember dazu wie Mandarinen und Lebkuchen. Kaum jemand meint ihn böse.
Und trotzdem lohnt sich ein zweiter Blick. Denn der Nikolaus kann für dein Kind ein Fest der Vorfreude sein. Ohne Drohung, ohne Bewertung. Und ohne dass der Zauber verloren geht.
Mein Nikolaus: geputzte Schuhe und Krampusse am Fenster

Wenn ich an den Nikolaus in meiner Kindheit denke, sehe ich zuerst unsere Schuhe. Bevor wir am Abend in die Nikolausmesse gegangen sind, haben wir sie geputzt, bis sie glänzten, und ans Fenster gestellt. Und als wir zurückgekommen sind, waren die Stiefel gefüllt. Es war so schön.
Genau deshalb habe ich dieses Ritual mit meinen eigenen Kindern weitergeführt. Am Vortag haben wir gemeinsam die Stiefel geputzt, und am nächsten Morgen haben wir nachgeschaut, ob der Nikolaus etwas gebracht hat. Und ja, er war da. Nicht nur bei den Kindern: Auch in unseren Schuhen lagen Mandarinen und Nüsse.
In meiner Kindheit gab es aber auch die andere Seite. In meinem Dorf gab es das Krampusschrecken. Die Krampusse sind durch den Ort gezogen und haben mit ihren Ruten an die Fenster geklopft. Vor ihnen hatte ich wirklich Angst.
Gleichzeitig saß ich sicher zu Hause. Mit meinen Eltern und Geschwistern, mit Tee, Maroni und Schantinüssen, die wir gemeinsam geöffnet haben. Draußen das Klopfen. Drinnen die Wärme.
Wenn ich heute daran zurückdenke, war genau das der Unterschied: Ich musste mit meiner Angst nicht allein sein. Ich wusste, wo mein sicherer Platz ist.
Wer war der Nikolaus eigentlich?
Der heilige Nikolaus lebte im 4. Jahrhundert und war Bischof von Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei. Sein Gedenktag ist der 6. Dezember.
Die bekannteste Legende erzählt von einem armen Mann mit drei Töchtern. Nikolaus warf heimlich Gold durch ihr Fenster, damit die Familie wieder Hoffnung hatte. Er wollte keinen Dank und keine Gegenleistung. Er hat einfach gegeben.
Und genau darum geht es beim Nikolaus. Nicht ums Bewerten. Sondern ums selbstlose Geben.
So kannst du es deinem Kind erzählen:
„Vor ganz langer Zeit hat ein Mann gelebt, der hieß Nikolaus. Er hat armen Menschen heimlich etwas geschenkt, damit sie sich freuen, und wollte nichts dafür haben. Weil er so ein guter Mensch war, denken wir jedes Jahr an ihn und machen anderen eine Freude, so wie er.“
Krampus und kleine Kinder: Wie viel ist zu viel?

Kinder im Kindergartenalter leben in einer Welt, in der vieles möglich ist. Fachleute nennen das magisches Denken. Für ein dreijähriges Kind ist ein Krampus mit Fell, Hörnern und Rute deshalb oft kein Kostüm. Er ist echt.
Gegen Schulbeginn lässt das magische Denken langsam nach, und Kinder verstehen immer besser, wie die Welt funktioniert. An den Nikolaus glauben viele trotzdem noch eine ganze Weile. Und Angst vor dem Krampus kann auch ein Schulkind noch haben.
Wie Kinder darauf reagieren, ist sehr unterschiedlich. Manche sind fasziniert und wollen ganz nah ran. Andere erstarren und können noch Tage später schlecht einschlafen. Beides ist normal.
Der Krampus ist ein alter Brauch. Und Traditionen sind wertvoll, weil sie Gemeinschaft stiften. Je nachdem, wo du wohnst, werden sie mehr oder weniger gelebt.
Fragwürdig wird es, wenn Kinder das ganze Jahr über bewertet werden, und ganz besonders in den Wochen vor dem Nikolaus. Ein Jahr ist für Kinder lang, oft wissen sie gar nicht mehr, worum es geht. Und wenn Eltern dem Nikolaus oder dem Krampus vorher erzählen, was ihr Kind angestellt hat, kann sich das Kind von ihnen verraten fühlen.
Für kleine Kinder ist es deshalb schöner, wenn der Nikolaus ohne Krampus kommt.
Ich finde es schön, dass sich da etwas verändert hat. Heute sagen viele Eltern ihren Kindern ehrlich, dass in den Krampus-Kostümen Menschen stecken, die sich verkleidet haben.
Ich habe das als Kind übrigens auch schon gewusst. Angst hatte ich trotzdem. Wissen allein nimmt die Angst nicht weg. Sicherheit schon.
Ob ihr zu einem Krampuslauf geht, entscheidest du am besten nach deinem Kind und nicht nach dem Kalender. Wenn ihr hingeht, haltet Abstand, nimm dein Kind auf den Arm oder an die Hand und macht vorher aus: Wir können jederzeit gehen.
Wenn dein Kind Angst vor dem Krampus hat
Vielleicht kennst du das: Dein Kind klammert sich an dein Bein, sobald ein Krampus in Sichtweite kommt. Und irgendwer sagt: „Der tut eh nix.“
Das stimmt. Aber es hilft deinem Kind nicht. Die Angst ist trotzdem da.
Was hilft:
- Die Angst ernst nehmen: „Du hast Angst. Das verstehe ich. Der Krampus sieht wirklich wild aus.“
- Sicherheit geben: „Ich bin da. Ich pass auf dich auf.“ Nimm dein Kind auf den Arm oder halte es fest.
- Abstand schaffen: „Komm, wir gehen ein Stück weg.“ Kein Kind muss tapfer sein, um dazuzugehören.
- Danach darüber reden: am nächsten Tag, im Hellen und in Ruhe. Ein Bilderbuch kann helfen zu verstehen, was ein Kostüm ist.
Nicht dein Kind muss mutig sein. Sondern du sorgst dafür, dass es sich sicher fühlt. So wie meine Eltern damals, während draußen die Ruten an die Fenster klopften.
Nikolaus ohne Drohung: Warum Liebe keine Bedingung braucht
„Wenn du nicht brav bist, bringt der Nikolaus nichts.“ Auch dieser Satz klingt harmlos. Er ist praktisch, und manchmal wirkt er sogar. Für ein paar Minuten.
Aber was lernt dein Kind daraus? Dass Geschenke und Zuwendung davon abhängen, ob es sich gut benommen hat.
Eine Drohung und eine Grenze können gleich klingen. Der Unterschied liegt in deiner Haltung. Eine Grenze sagt: „Ich passe auf dich auf.“ Eine Drohung sagt: „Wenn du nicht folgst, wird es unangenehm.“ Wie du klar bleibst, ohne zu drohen, liest du in meinem Artikel Grenzen setzen im Familienalltag.
Auch das goldene Buch lohnt einen Blick. In manchen Familien und Kindergärten liest der Nikolaus daraus vor, was ein Kind im Jahr falsch gemacht hat. Wenn dabei auch noch andere zuhören, ist das für ein Kind beschämend.

Es geht auch anders. Lass im goldenen Buch stehen, was dein Kind in diesem Jahr gelernt und geschafft hat. Und vor allem, wie es das geschafft hat: dass es geübt hat, sich angestrengt hat und drangeblieben ist.
Fachleute nennen das Prozesslob. Du lobst den Weg und nicht nur das Ergebnis. So spürt dein Kind: Meine Mühe zählt.
„Du hast so lange geübt, bis du deine Schuhe allein anziehen konntest.“
„Du hast nicht aufgegeben, obwohl das Puzzle so schwierig war.“
„Du hast deinem Bruder beim Turmbauen geholfen.“
„Du hast dich getraut, im Kindergarten ein Lied vorzusingen.“
Vielleicht denkst du jetzt: „Aber ein bisschen Respekt schadet doch nicht.“ Stimmt. Nur entsteht Respekt nicht aus Angst. Er entsteht, wenn ein Kind spürt: Ich bin richtig, so wie ich bin. Auch an den Tagen, an denen ich anstrengend bin.
Brav sein ist keine Bedingung für Liebe. Und auch nicht für einen gefüllten Stiefel.
Tipp: Klar sein geht auch ohne Drohung, wenn du weißt, welche Grenze dir wichtig ist. In „Klar statt laut“ findest du Fragen, die dir dabei helfen, und Platz für deinen eigenen Satz. 👉 Hier kannst du es dir holen.
Nikolaus-Rituale, die Freude machen
Rituale geben Kindern Halt, weil sie wissen, was kommt. Das gilt für liebevolle Abendrituale genauso wie für den Nikolaus. Und weil ihr ein Ritual jedes Jahr wiederholt, wird es mit der Zeit ein Stück eurer Familiengeschichte.
So findet ihr euer eigenes Nikolaus-Ritual
Es gibt nicht das eine richtige Nikolaus-Ritual. Jede Familie feiert ein bisschen anders, und das darf so sein. Diese Gedanken helfen dir beim Aussuchen:
- Klein anfangen: Ein Ritual, das jedes Jahr wiederkommt, trägt mehr als fünf neue Ideen auf einmal. „Machen wir das wieder so wie letztes Jahr?“ ist beim Nikolaus ein großes Kompliment.
- Dein Kind mitmachen lassen: Eine Zweijährige wischt begeistert mit dem Tuch über den Stiefel. Ein Sechsjähriger rührt den Teig oder plant das Geheimnis für die Nachbarin mit.
- Mit allen Sinnen: der Duft von Mandarinen, Kerzenlicht, ein Lied. Ich sehe bis heute unsere glänzend geputzten Schuhe vor mir.
- Zu deinem Kind passend: Ein Kind, das sich schnell fürchtet, braucht keinen Nikolausbesuch an der Haustür. Ihm reicht der gefüllte Stiefel am Morgen.
Am Vorabend: Vorfreude wecken
- Stiefel putzen: Für mich bis heute das schönste Nikolaus-Ritual. Gemeinsam putzen, bis sie glänzen, und dann ans Fenster oder vor die Tür stellen. Die Vorfreude ist schon die halbe Bescherung.
- Einen Teller herrichten: In manchen Familien steht statt des Stiefels ein Teller bereit. Dein Kind darf ihn selbst aussuchen und an seinen Platz stellen.
- Die Geschichte vom Nikolaus erzählen: am besten bei Kerzenlicht. Ein Bilderbuch hilft, wenn du selbst nicht mehr so viel darüber weißt.
- Ein Nikolauslied singen: „Lasst uns froh und munter sein“ kennen viele Eltern noch aus ihrer eigenen Kindheit. Wenn ihr es jedes Jahr singt, singt dein Kind bald lauter mit als du.
- Gemütlich zusammensitzen: Tee oder Kinderpunsch, Mandarinen, Maroni. Bei uns gab es dazu Schantinüsse, die wir gemeinsam geöffnet haben.
- Zur Nikolausfeier gehen: Als Kind bin ich mit meiner Familie am Abend in die Nikolausmesse gegangen. Viele Pfarren feiern rund um den 6. Dezember mit Familien und Kindern.
Tipp: Und nach der Geschichte vom Nikolaus erfindet ihr eure eigene. Im kostenlosen Geschichtenspaß würfelt ihr Bilder wie Stiefel oder Mandarine, und ein Satzanfang wie „Am Abend vor dem Nikolaus …“ hilft beim Start. 👉 Hier kannst du ihn dir holen.
Am Nikolausmorgen: Staunen dürfen
- Den Stiefel entdecken: Lass deinem Kind Zeit, alles einzeln anzuschauen. Eine Mandarine kann in diesem Moment ein Schatz sein.
- Nikolausfrühstück: Mandarinen, ein Stück Lebkuchen und euer Nikolauslied am Frühstückstisch. Das passt gut, wenn der Abend davor zu kurz war.
Geben wie der Nikolaus
- Selbst Nikolaus sein: Stellt gemeinsam heimlich eine Kleinigkeit vor die Tür der Nachbarin oder der Oma. So wie der Nikolaus damals das Gold durchs Fenster geworfen hat. Kinder lieben so ein Geheimnis.
- Etwas weiterschenken: Sucht gemeinsam ein Spielzeug oder ein Buch aus, über das sich ein anderes Kind freuen darf. So erlebt dein Kind ganz praktisch, was der Nikolaus damals getan hat.
- Ein goldenes Buch der schönen Momente: Sammelt übers Jahr, was gut gelungen ist, und lest es am Nikolausabend gemeinsam.
Gemeinsam vorbereiten
- Gemeinsam backen: Lebkuchen, Kekse oder einen Krampus aus Germteig.
- Die Feier zusammen gestalten: Plant den Nikolausabend gemeinsam: den Raum herrichten, Dekoration basteln, Kekse backen oder Kinderpunsch zubereiten. Wer mithilft, freut sich doppelt.
Wenn der Nikolaus zu euch nach Hause kommt
Manche Familien laden einen Nikolaus zu sich ein. Damit der Besuch für dein Kind schön wird:
- Ohne Krampus: Der Nikolaus allein ist für ein kleines Kind schon aufregend genug.
- Vorher erzählen: Erzähl deinem Kind, wer kommt und was passiert. Dann wird aus dem Besuch keine Überraschung, die erschreckt.
- Nah bei dir: Dein Kind darf auf deinem Schoß sitzen oder hinter dir stehen. Es muss kein Gedicht aufsagen und dem Nikolaus nicht die Hand geben, wenn es das nicht möchte.
- Ruhe und kleine Geschenke: Nehmt euch Zeit und sorgt für eine gemütliche Stimmung. Kleinigkeiten reichen.
- Lob statt Liste: Gib dem Nikolaus vorher zwei, drei schöne Dinge mit, die dein Kind in diesem Jahr geschafft hat.
Für dein Kind zählt nicht, wie viel ihr macht. Es zählt, dass es jedes Jahr wiederkommt.
Nikolaussackerl füllen: Ideen ohne viel Zucker
Ein Nikolaussackerl muss nicht groß sein. Kinder freuen sich oft mehr über das Auspacken als über den Inhalt.

- Mandarinen und Äpfel
- ein kleiner Lebkuchen oder ein Schoko-Nikolaus
- ein Bilderbuch zum Nikolaus oder zum Winter
- Buntstifte, Sticker oder Knete
- ein selbstgemalter Gutschein für gemeinsame Zeit: „Ein Nachmittag Schlittenfahren mit Mama“
Nüsse gehören für mich zum Nikolaus dazu, so wie damals die Schantinüsse. Bei Kindern unter vier Jahren lass ganze Nüsse aber lieber weg. Sie können leicht in die Atemwege geraten.
Bei uns brachte der Nikolaus ein Buch
Geschenke im eigentlichen Sinn gab es bei uns zum Nikolaus nie. Es gab immer ein Buch.
Als meine Kinder klein waren, gab es vor der Adventszeit meistens eine Buchausstellung im Kindergarten oder in der Schule. Dort durften sie sich aussuchen, welches Buch sie sich wünschen. Und genau dieses Buch hat dann der Nikolaus gebracht.
Ich finde es auch sonst schön, Bücher nicht einfach zu bestellen, sondern mit Kindern in die Buchhandlung zu gehen. Dort dürfen sie blättern und selbst entdecken, was ihnen gefällt.
„Gibt es den Nikolaus wirklich?“
Irgendwann kommt diese Frage. Und dann musst du dich nicht zwischen Zauber und Ehrlichkeit entscheiden. Du kannst beides haben:
„Den Nikolaus hat es wirklich gegeben. Er hat vor ganz langer Zeit gelebt und armen Menschen heimlich geholfen. Heute verkleiden sich Menschen als Nikolaus, damit wir uns an ihn erinnern. Und die Sachen in deinem Stiefel? Die sind von Menschen, die dich lieb haben.“
Fromme Lügen brauchst du dafür nicht. Dein Kind darf wissen, dass die Sachen im Stiefel von euch kommen. Der Zauber geht dadurch nicht verloren. Er wird nur ein anderer.
Beim Christkind wird es übrigens noch ein bisschen kniffliger. Darüber schreibe ich im nächsten Artikel.
Fazit: Euer Nikolaus darf sich gut anfühlen
„Wenn du nicht brav bist, kommt der Krampus.“ Mit diesem Satz sind viele von uns groß geworden. Wir müssen ihn nicht weitergeben.
Es gibt nicht den einen richtigen Nikolaus. Manche Familien gehen zum Krampuslauf, andere bleiben lieber zu Hause. Manche feiern am Abend des 5. Dezember, andere am Morgen des 6.
Entscheidend ist, dass dein Kind spürt: Ich bin sicher. Ich bin geliebt. Und heute darf ich mich einfach freuen.
Vielleicht ist das sowieso das schönste Geschenk im Stiefel: das Gefühl, dass jemand an mich gedacht hat.

Eure eigene Nikolausgeschichte
Wenn die Stiefel geputzt sind und alle gemütlich beisammensitzen, ist Zeit für eine Geschichte. Im Geschichtenspaß würfelt ihr Bilder wie Stern, Kerze oder Schneemann und erfindet daraus gemeinsam eure eigene. Dazu gibt es Würfel zu vielen Festen im Jahreskreis und 27 kurze Vorlesegeschichten für die Abende, an denen dir selbst keine einfällt.


